Sagen und Bräuche im Odenwald

Bräuche:   Der Pelznickel      Der Hammeltanz     Die Kirchweih    "Wem ist die Kerb ? Unser !"      Fasenacht im Odenwald 
Sagen u. Geschichten:  Weihnachten im Odenwald       Das Glücksschwein        Der Breilecker      Das Los vom "Gailsmarkt"
Der Christbaum im Odenwald   Die Traube des Odenwaldes   Odenwälder Dörrzwetschen   Odenwälder Worzelbouze  Die Siegfriedsage        

Der Pelznickel im Odenwald

In kaum einem anderern Zeitabschnitt des Jahres als in den Wochen vor dem Weihnachtsfest begegnet sich im Odenwald so viel altes Brauchtum mit christlicher Tradition und christlichem Glauben. Der wiochtigste Tag in der Vorweihnachtszeit aber ist immer noch der Nikolaustag, der 6. Dezember. Es ist der Tag des Pelznickel. Für die Jugend ist er ein besonderer Tag. Er bringt einen Vorgeschmack auf das kommende Christfest, aber nicht in kirchlicher Sicht. An diesem Tage geht der Pelznickel um und schreckt die Menschen. Meistens sind es Buben, die ihn darstellen, manchmal auch Erwachsene. Mit langen Mänteln, einem alten Schlapphut und angetan mit einem Schaffell, mit langen Stiefeln stolpern sie durch die Straßen und erschrecken die Menschen mit verstellter rauher Stimme. Ihre aus Werg oder Schafwolle gefertigten langen Bärte sollen ihnen ein furchterregendes Aussehen geben. Vorübergehend werden um milde Gaben angebettelt, Kinder mit der Rute bedroht. Unheimlich ziehen die Gestalten durch die Straßen und kommen rumpelnd und polternd in die Häuser. Ängstlich verstecken sich die Kinder. Sie werden herbeigezerrt und müssen ihr Sprüchlein aufsagen. Dann packt der Pelznickel seinen Sack aus und schenkt den Kindern Äpfel und Nüsse. Im südlichen Odenwald wurde der Pelznickel auch Benznickel, Strohnickel und Storrnickel genannt. Der Storrnickel trug als Strafgerät keine Rute oder Knüppel, sondern eine Holzgabel. Der Strohnickel war in Stroh gehüllt.
Belznickel
Von links nach rechts: Strohnickel mit geflochtenem Strohseil, Strohnickel aus Langstroh, Bezebock als Begleiter,
Strohnickel aus Schotenstroh, Belznickel mit Sack, Belznickel mit Rübenkopf auf seinem Stock, Nikolaus mit
Laterne und Sack.

Aber es gab noch weitere Gestalten im Odenwald, die man im Dezember sah: Die Stoppelgans, das Mehlweibchen, den Bohlischbock und das Chriskindeselchen. Die Stoppelgans war ein gebückter Bursche, der mit Armen und Beinen in einem weißen Nachthemd steckte, das über einen Kissen zugebunden wurde. Das Mehlweibchen hatte ein mehliges Gesicht und war völlig weiß gekleidet. Es hielt zwei Kochlöffel in der Hand mit denen es klapperte, aber auch Kinder und Erwachsene schlug. Unter dem Christkindeselchen steckte ein in weiße Tücher gehüllter, sich bückender Bursche oder ein Mädchen.
BelznickelChristkindeselchen
Von links nach rechts: Bohlischbock, Mehlweibchen, Stoppelgans, Christkind, Belznickel und das dreibeinige Christkindeselchen, das aus einer Axt mit aufgebundenem Kissen entstand und dann ein weißes Tuch darüber bekam.

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Der Hammeltanz

Der Hammeltanz ist die Freude an dem Sieg der Sonne über den Winter. Deshalb findet auch das Winteraustreiben an diesen Tagen statt. Dabei stellt ein Strohbär den sterbenden Winter und ein mit jungem Grün geschmückter Knabe den siegreichen Frühling dar. Der Tanz war bis in die letzten Jahrhunderte mit einen Preisschießen verbunden. Dabei wurden dem besten Schützen ein lebender Hammel aus Ehrenpreis übergeben. Erhalten aber ist der Tanz in alter Form noch im Breuberger Land. Hier ist das Frühlingsfest noch an die alten Formen gebunden. Von überall her strömen zu Pfingsten die Burschen und Mädchen  zusammen. Währen des festlichen Treibens auf der Tanzwiese wird ein mit bunten Bändern geschmückter Hammel unter dem Jubel des jungen Volkes mit Musik und Gesang auf den Festplatz geführt und an einem Baum inmitten des Platzes angebunden. Dann stellen sich Burschen und Mädchen in langer Reihe hintereinander und gegen paarweise unter den Klängen der Musik im Kreis herum. Der este Tänzer trägt zu Beginn des Tanzes einen großen Strauß aus Tannengrün und Birkenlaub. in der Mitte des kreisenden weges ist ein Hindernis in Form einer Wagebnleter aufgestellt.Diese müssen Tänzerinnen und Tänzer einzeln überklettern, dabei reichen sie den Srauß dem nächsten Tänzer oder der nächsten Tänzerin weiter. So wandert das Blumen- und Laubgewinde mehrmals durch die lange Kette der Burschen und Mädchen. Die Entscheidung, wem der Strauß und damit der Hammel zufällt, liegt in den Händen des Schützenkönigs, eines Mannes, der sich mit einer Flinte in einem benachbarten Gebüsch oder hinter einer Mauer versteckt, und zwar so, daß er keinen Blick auf den Tanzplatz werfen kann. nach einer Weile - die Zeit liegt ganz in seinem Ermessen - feuert er aus seiner Flinte einen Schuß ab. Sofort bricht die Musik ab, und wer den Strauß in den Händen hat, ist der Sieger des Tanzes. Ihm gehört der Hammel. Er führt auch sein Mädchen zum Endtanz.

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Die Kirchweih im Odenwald

Noch heute ist im Odenwald die Kirchweih das höchste Fest des Jahres. Da wird gegessen, getrunken, gesungen und getanzt. Die ganze, in einem langen Arbeitsjahr aufgestaute Lebensfreude entlädt sich im Taumel der beiden Kerbtage. Schon am Samstag beginnt das große Fest. Die Burschen schmücken den Kerbebaum oder Kerbstrauß. Den Höhepunkt der Kerb bildet der Tanz am Sonntag. Er beginnt am Nachmittag und dauert bis zum nächsten Morgen. Erst gegen Mittag schwanken die letzten Burschen nach Hause. Der zweite Kerbtag gleicht nicht mehr ganz dem ersten. Es fehlen die Gäste. Das Dorf ist unter sich. Der erste Freudenrausch ist verflogen. Nicht mehr so hell klingen die Jauchzer: "Wem ist die Kerb?" Jubel und Freude sind nicht mehr so laut. Das Geld sitzt nicht mehr so locker. Die Burschen zählen schon heimlich die Markstücke in der Tasche. Die Tanzpaare werden weniger. Leiser schmettern die Trompeten, zarter klingen die Geigen. Die Kerb geht ihrem Ende entgegen. "Die Kerb spitzt sich zu", pflegte man zu sagen. Aus jenen Jahren ist noch das Sprichwort am Breuberg überliefert, das noch heute gebraucht wird, wenn man ausdrücken will, daß etwas langsam zu Ende geht: ,,Es spitzt sich zu wie die Sandbacher Kerb. Da hat am Schluß noch ein Musikant gespielt und der hatte nur noch eine einzige Saite auf seiner Geige."

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"Wem ist die Kerb?" - "Unser !"

Es gibt ein Fest im Lauf des Jahres, das alle anderen Feste übertrifft, oft heute noch, obwohl seine Bedeutung seit einiger Zeit langsam zurückgeht; es ist die Kirchweih. Die Kerb ist nicht nur ein Fest der Jugend, die sich auf das Tanzen freut, sondern auch der älteren und Alten; denn bei dieser Gelegenheit kommt die ganze Verwandtschaft oft von weit her zusammen. Tagelang vorher wird gründlich Rausputz gehalten. Am Samstag vor dem Fest findet stets ein großes Kuchenbacken statt. Alle verfügbaren Kuchenbleche sind mit Teig belegt. Riwwelkuchen, Apfelkuchen, Käse- und Zimtkuchen bedecken nachher die Tische, Stühle, Bänke und sogar den Boden. Natürlich sind auch Braten genug vorbereitet. und der Hausvater vergißt den Apfelwein nicht, den selbstgekelterten, den er mit Stolz präsentiert.Die Burschen des Dorfes, die "Kerbburschen", haben mittlerweile mit dem Wirt oder den Wirten des Ortes das Fest gründlich vorbereitet. Am frühen Nachmittag wird in einem langen Zug die Kerb in Gestalt eines Kranzes, eines Straußes oder eines geschmückten Bäumchens ins Dorf geholt. Dabei sind verkleidete Reiter und schöne Wagen, mit Burschen und Mädchen besetzt, neben mancherlei seltsamen Masken zu sehen. Im einzelnen sind diese Züge von Jahr zu Jahr verschieden, unterbleiben gelegentlich auch ganz, je nachdem ob die Gemeinschaft der Burschen eifrig oder weniger eifrig ist. Wenn die Schar vor der Wirtschaft angekommen ist, beginnt die lustige Rede des Haupt-Kerbburschen, der allerlei Geschehnisse im Dorf während des vergangenen Jahres zur Sprache bringt. Der Strauß wird feierlich aufgehängt, dann beginnt im Saal der Tanz. Hier und da tauchen die alten Volkstänze noch auf, der Kreuztanz, der Schnicker, der "Rutsch hie - rutsch her'', und wenn die Stimmung steigt, vielleicht sogar der Siebensprung, immer aber der Dreher. Dazwischen klingen ebenso unermüdlich die lauten Rufe der Burschen im Chor: "Wem ist die Kerb?" und die noch lautere Antwort: "Unser!". Dabei schreien selbst die Alten vor Begeisterung mit, auch wenn sie am Tanze nicht teilnehmen, sondern nur still und aufmerksam an den Seitentischen hinter ihrem Glas sitzen. Munter geht für die Jugend der Tanz durch die ganze Nacht hindurch, nur unterbrochen von den Mahlzeiten, denen die älteren lang, die Jungen nur kurz zusprechen. Auch das abendliche Füttern verläuft sehr rasch für die Knechte und Mägde, damit alle möglichst bald zum Tanz zurückkehren können.Am nächsten Morgen finden sich die Burschen zusammen und schleppen unter lautem Jammern und Klagen eine Strohpuppe, die ~ aus dem Dorf, um sie draußen zu verbrennen oder zu begraben. Anderswo ist es nur eine Flasche oder ein Apfelweinkrug, der als Sinnbild der schönen lustigen Kirchweih vergraben und so für das nächste Jahr aufbewahrt wird. Lang aber klingt in der Erinnerung noch der Ruf nach: "Wem ist die Kerb?" – "Unser"

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Fasenacht im Odenwald

Die Fasenacht beginnt im Odenwald mit dem backen der Kreppel. Tritt man an Fasenacht in ein Bauernhaus, so findet man ganze Berge der in Öl gebackenen Kreppel. Sie werden nicht nur zum Kaffee verzehrt. Auch zum Mittagessen kommensie mit Dörrobst auf den Tisch! Sie sind der Stolz der Bäuerin und werden nach der Mahlzeit unter das Gesinde verteilt. Wenn man bedenkt, daß damals in einem großen Odenwälder Bauernhof mindestens 2 Knechte, der Großknecht und der Kleinknecht, gehalten wurden und die Hausfrau zwei Mägde, die Großmagd und die Kleinmagd, hielt, dann versteht man, wie groß der Kreppelberg war, den die Bäuerin backen mußte. In anderen Bauernhäusern gab es zum Mittagessen Bohnensuppe mit Blutwurst und am Abend Sauerkraut mit Schweinefleisch. Bohnen an Fasenacht faseln das ganze Jahr. Sie bringen Glück und Gesundheit. Ein anderer Brauch sagte: An Fasenacht soll man vor dem Essen eine Zeitlang die Fenster öffnen, damit die Engel hereinschweben und sich satt essen können. Bei dieser Mahlzeit soll man die himmlischen Gäste nicht stören. Das bringt Unglück ins Haus. An Fasenacht soll man soviel kochen, daß von der Mahlzeit etwas übrig bleibt. Das muß man zuletzt essen, sonst kommt im nächsten Jahr eine Hungersnot über das Land. An Fasenacht soll man Würste und Schinken in der Räucherkammer umhängen, damit sie faseln. Dann halten sie sich das ganze Jahr über, und der Bauer bat immer Geräuchertes im Haus.Weitere Bräuche sagen folgendes: An Fasenacht soll man das Sauerkraut im Krautfaß und die eingemachten Bohnen im irdenen Topf gut abwaschen, damit sie faseln. Man soll auch an diesem Tag Butter stampfen, dann hält sie sich besonders lang. Man soll an Fasenacht nicht flicken, sonst legen die Hühner schlecht. Man soll nicht waschen, sonst gibt es Flöhe im Haus. Man soll auch nicht backen. In einem Haus, in dem an diesem Tag der Backtrog zugedeckt ist, wird im kommenden Jahr ein Toter im Sarg zugedeckt. Für die Hausfrau galt die Vorschrift: Gehe an Fasenacht nicht zum Krämer, sonst kommst du das ganze Jahr nicht aus den Schulden heraus. Für den Bauern galt das ungeschriebene Gesetz: Fahre an Fasenacht nicht in den Wald. Da geht der Teufel um, und die Hexen haben Gewalt.

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Weihnachten im Odenwald

Viele Sagen von Weihnachten und vom Christkind sind noch heute im Odenwald lebendig. Die vielleicht schönste wird von alten Leuten in den Dörfern des Breuberger Landes erzählt. Wenn am Heiligen Abend die Glocken von den Türmen des Landes das Fest einleuten, dann schwebt das Christkind mit dem Nikolaus, der hier "Pelznickel" heißt, aus den Wolken herab und senkt sich langsam auf den hohen Bergfried der Burg Breuberg, dem Wahrzeichen des Landes. Christkindchens weißes Kleid und sein langer Schleier flattern im Wind. In der Linken hält es das Wahrzeichen des Festes, den Christbaum, die Rechte streckt es segnend über das weite Land zu seinen Füßen. Mit dem Christkind steigt der Nikolaus herab. Er trägt den großen Sack mit den Gaben für die vielen Kinder über der Schulter und die Rute in der rechten Hand. Beim Klang der Glocken stehen die Kinder am Heiligen Abend an den Fenstern und schauen hinaus, um das Weihnachtswunder genau wie einst ihre Eltern und Voreltern zu erleben. Sie blicken durch den dämmernden Abend hinauf auf den Berg und die Burg. Ist das Wetter kalt und der Himmel klar, dann erblicken sie die wuchtigen Umrisse der Burg mit ihren Mauern und Türmen. Hängen aber graue Nebelschwaden um den Berg oder fallen dicke Schneeflocken vom Himmel, dann ahnen die Kinder hinter Nebelschleiern und Schneewolken das unsichtbare Geheimnis der Nacht.Dumpf und laut reden die Glocken von den Türmen. Im ganzen Jahr tönen sie nicht so feierlich wie an diesem Abend. Hinter den Kindern steht die Mutter und vielleicht auch die Großmutter und denken zurück an vergangene Zeiten, in denen auch sie mit kindlichem Herzen an das Weihnachtswunder auf dem Breuberg glaubten. "Habt ihr gesehen?", fragt die Mutter, und aus den Antworten der Kinder redet ihr Alter oder der Einfluß einer aufgeklärten Zeit. ,"Nein!" sagen trotzig die Buben. ,,Es dunkelt schon, und der Nebel hängt um den Berg. Wie sollen wir da das Christkindchen sehen?" Doch die Mädchen erschauen in ihrem kindlichen Glauben das Weihnachtswunder auf dem Berg trotz Nebel und Schnee. Bei ihnen ist noch das Wunder des Glaubens liebstes Kind. Sie kennen auch noch den alten Weihnachtsspruch vom Christkind und seinem Esel und beten ihn aus gläubigem Herzen.

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Das Glücksschwein

Es war dahinten im Odenwald. Die Ritter hatten Streit miteinander. Die Otzberger trieben ihr Vieh in den Breuberger Wald und schossen sich da auch Hirsche und Wildschweine. Da passten die Breuberger ihnen auf, schlugen sie windelweich und nahmen die Frechsten von ihnen als Gefangene mit auf den Breuberg. Nun kamen die Otzberger, und sie hatten auch noch die Um-staedter bei sich. Es waren ihrer so viele, daß sie die Burg Breuberg belagern konnten. Ringsum stellten sie ihre Kanonen auf, und bald flogen ihre Kugeln wider die dicken Mauern und hohen Türme, aber Woche um Woche verging, und die Breuberger ergaben sich nicht. Freilich gingen in der Burg die Lebensmittel zur Neige, doch an Wasser fehlte es im tiefen Brunnen nicht. Täglich bekam jeder Knecht nur noch ein Stuck Brot und dazu zwei Äpfel, aber den Mut verloren die Breuberger doch nicht. Sie wandten eine List an. Im Stall hatten sie nur noch ein einziges Schwein, einen alten Eber; den führten sie nun jeden Tag auf den Wall. kehlten ihn so, daß er gewaltig schrie. Das hallte jedesmal weit über das Tal, und die Otzberger draußen sagten sich: "Wenn die Breuberger noch so viele Schweine zu schlachten haben, ergeben sie sich noch lange nicht." Unten "auf der Schanz" litten die Belagerer bitteren Hunger; die Bauern waren mit ihrem Vieh nach dem Obernburger Wald geflohen, und sie waren nirgends zu finden; die Dörfer ringsum standen leer; die dürren Klepper der Otzberger nagten vor Hunger an den Bäumen die Rinde ab. Nachts war es bitter kalt, und dabei regnete es, was es nur konnte. Da spannten die Otzberger ihre Gäule vor die Kanonen und zogen ab. Wie jubelten oben in der Burg die Breuberger ! "Wir hatten ein Schweineglück," sagten sie; "das verdanken wir diesem Eber. Wir geben ihm das Gnadenbrot." Immer wieder trieben sie ihn zur Eichelmast, und als er endlich kugelrund war und draußen auf den Wall geschlachtet wurde, da hingen sie seinen Kopf an das Burgtor, und das Brett von dem Schweinskopf mit den langen Borsten und den kräftigen, krummen Hauern ist da noch zu sehen als Wahrzeichen bis auf den heutigen Tag.

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Der Breilecker

Ein anderes Mal kamen die Otzberger wieder gezogen. Jetzt hatten sie aber noch schwerere Kanonen bei sich. Sie wollten die dicken Mauern der Burg um schießen und den Breuberg der Erde gleich machen. Doch weit gefehlt! Die Kugeln prallten ab an den riesigen Quaderstein, nur ein Stückkugel blieb stecken, gleich rechts von dem Tor, da kann man sie heute noch sehen. Die Breuberger verließen sich auf ihre feste Burg und verloren den Mut nicht. Wenn es draußen blitzte und krachte, jauchzten die Burgleute, und der Roßbub schlug im Hof drei Purzelbäume. An einem Mittag standen sie draußen auf der Wache hinter der Mauer. Dabei kochten sie einen Kessel voll Hirsebrei; und als sie sich nun setzten und sich den Brei schmecken lassen wollten, da flog eine Kugel wider den Turm, prallte ab und, Plumps, da fiel sie mitten in den Kessel. Der Brei spritzte heraus, aber Werner, ein richtiger Spaßvogel, leckte ihn vom Boden auf, sprang auf die Mauer und streckte den Feinden die Zunge heraus. Gleich schossen die Otzberger nach ihm, aber sie trafen ihn nicht. Wie lachten da die Burgleute, und der ganze Haufen rief: "Werner, du bist unser Kühnster, du sollst uns allezeit die Burg bewachen !" Dietrich, der Steinmetz, holte den Hammer und meißelte in einen vorspringenden Stein neben dem Tor Werner, den Breilecker. Da schaut er noch heute herunter, dieser Spaßvogel im Kettenpanzer; er streckt allen die Zunge heraus, die bei geschlossenem Tor die Burg nicht betreten können. Die Tür ist verriegelt, und an der schweren Kette hängt ein dicker, dicker Ring. Wer ihn durchbeißt, bekommt den Breuberg und all das Land ringsum, die ganze Herrschaft. Viele tausend Buben und Mädchen haben es schon probiert, aber der eiserne Ring blieb ganz, und der Breilecker, von dem der "Breiberg" seinen Namen haben soll, hat sie ausgelacht. Auch mir hat er die Zunge herausgestreckt.

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Das Los vom "Gailsmarkt"

Als der Hanjörgsbauer auf dem Gailsmarkt ein ,Dito' gewann !

Wer kennt im Odenwald nicht den Beerfelder Pferdemarkt? Seit vielen Jahren bildet er schon eine Art Heerschau für alle Viehzüchter des Landes und ihre Züchtunten. Da kommen die Bauern aus der Ober- und Unterzent zusammen und zeigen voll Stolz ihr Alt- und Jungvieh. Da werden Pferde gekauft und verkauft, Kühe und Kälber gehandelt. Da rollten früher die Erbacher Gulden aus den ledernen Geldkatzen, die die Bauern um den Leib geschnallt trugen. Heute rollen die Markstücke und fliegen die Geldscheine. In den Wirtschaften wird gefeilscht, gehandelt, gegessen und getrunken. Das endet meist mit Geschäftsabschlüssen und Gesang. Manchmal aber, wie man so erzählt, mit einem Rausch. In früheren Zeiten war mit dem Jahrmarkt eine Lotterie verbunden. Da konnte man für eine Mark allerhand nützliche Dinge gewinnen, einen Wagen, eine Heugabel, eine Hacke, einen Krauthobel und ähnliche praktische Gegenstände. Darum waren die Gailsmarktslose immer begehrt und gingen ab wie die Sonntagswecken, wenn die Bauern der Oberzent nach dem Gottesdienst ihren Schoppen tranken.Auch der Hanjörgsbauer aus einem Dorf des Freiensteiner Amts kaufte einmalein Los bei der Gailsmarktlotterie, und als die Gewinnliste herauskam, fand er seine Losnummer unter den Gewinn-Nummern. Zwar nicht ganz vorn, wo der Leiterwagen stand, sondern ziemlich am Ende, gerade unter der Nummer, die eine Bohnenschneidemaschine gewonnen hatte. Da stand sein Los und daneben das Wort "Dito".Der Hanjörgsbauer war zwar ein gescheiter Mann, aber was ein Dito ist, hatte er nicht gelernt. Er holte sich deshalb Rat bei seinem Nachbarn, dem Jörgphillip. Der hatte in der Schule immer auf dem ersten Platz gesessen und wußte deshalb mehr als seine Kameraden. Der Jörgphilipp schüttelte lange den Kopf, legte die Stirn in Falten, klopfte seine Pfeife aus und meinte, Dito wäre ein Fremdwort und müßte deshalb etwas besonderes bedeuten. ,,Nachbar" sagte er nach langem überlegen, du bist ein Sonntagskind. Ich muß dir gratulieren, spann an, das Ding kannst du nicht tragen.So fuhr der Hanjörg mit seinem Leiterwagen an der Bürgermeisterei in Beerfelden vor und zeigte sein Los. Aber wer beschreibt sein Erstaunen und seine Enttäuschung, als Ihm der Gemeindediener den Gewinn brachte. Der "Dito"-Gewinn entpuppte sich als eine gewöhnliche Bohnenschneidemaschine.Als der Bauer zu Hause seinem Nachbar den gelehrten Gewinn zeigte, meinte der:Wer hätte das gedacht? So ein vornehmes Wort und so ein kleiner Gewinn! Ja, ja, die Fremdwörter haben es in sich.

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Der Christbaum im Odenwald

Wie ist es mit dem Christbaum? Er hat in der Geschichte des Odenwaldes schon seit Jahrhunderten seinen Platz. Nur führt er an verschiedenen Orten eine unterschiedliche Bezeichnung. Meine Großeltern in Schaafheim nannten ihn ,,Zuckerbäumchen". Im Gersprenztal wurde er ,,Buchsbaum" genannt, in der Oberzent, dem Land an der Mümlingquelle, trug er den seltenen Namen Haselbaum. In anderen Gegenden hieß er Weihnachtsbaum oder Christbaum. Eineganze Literatur ist über Namen, Alter und Aussehen des Baumes vorhanden. 1554 durften die Reichelsheimer ihr Christholz aus den Wäldern holen, und wenige Jahre später führten die Leute von Rimhorn einen Prozeß um ihre Christbäume, die ihnen schon immer gereicht wurden, die man ihnen aber jetzt vorenthalten wollte. Wie diese Bäume oder das Christholz ausgesehen haben, ist uns nicht überliefert. Wahrscheinlich handelt es sich um ein altes Holzrecht an Weihnachten und um Holzböcke, die als Christholz oder Weihnachtsblock im Herdfeuer verbrannt wurden.Heute sind diese Bräuche noch lebendig oder in anderer Form wieder aufgelebt. In manchen Städtchen, wie Michelstadt und Erbach, ziehen die Kinder in den Vorweihnachtstagen mit Fackeln durch die Straßen und eröffnen die Festzeit mit einem Spiel. Die Zeiten haben sich gewandelt. Aber noch lebt in dem heutigen Weihnachtsfest und in seinen Vorbereitungen eine letzte Erinnerung an vergangene Zeiten, als das Christkind vom Himmel geläutet wurde und die Menschen um ihr Weihnachtsholz stritten.

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Die Traube des Odenwalds

Was für den Menschen am Rhein die Traube, das ist für den Odenwälder die Heidelbeere. Sie wächst in den großen Wäldern des Buntsandsteingebiets und reift im Frühsommer~ Im Gegensatz zu der Rebe gedeiht sie ohne Pflege.Sie bringt ihre saftigen Früchte ohne Zutun der Menschen und bedarf weder des Hackens, Schneidens, Spritzens und Düngens. Sie ist fast wetterfest. Nur die Spätfröste im Mai werden ihr manchmal gefährlich und vernichten die zarten becherförmigen Blüten. Dann gibt es ein schlechtes Heidelbeerjahr, und die schwarzen Beeren stehen auf den Märkten hoch im Preis.Jahr für Jahr tragen die kniehohen Sträucher ihre saftigen Früchte und geben Kindern und Frauen einen zusätzlichen Verdienst. Da zieht alles, was abkommen kann, mit Eimern und Körben hinaus in den Wald. Das Blechgeschirr wird mit einer Schnur um den Leib gebunden, damit beide Hände frei zum Pflücken bleiben. Nur der Neuling und der Fremde pflücken mit einer Hand. Der richtige Odenwälder nimmt dazu beide. Er "ramscht", sagt das Volk und erzielt so einen doppelten Ertrag. Früher wurden die Beeren gekämmt. Man fuhr mit einen' großen Holzkamm, an dem unten ein kleiner Kasten angebracht war, über die Unterseite der Sträucher. Die dabei abgestreiften Beeren fielen in den Kasten. Bei diesem Verfahren kamen Blätter und Stengelteile unter die Früchte, die zu Hause nochmals verlesen werden mußten. Seitdem die Heidelbeere Marktware geworden ist, werden diese gekämmten und deshalb unreifen Früchte nicht mehr angenommen. Die Kämme haben heute nur noch Museumswert. Drei bis vier Wochen dauert die Zeit der Ernte. Sie bringt bei unverdrossener Arbeit viel Geld ein. Händler kaufen die Heidelbeeren zusammen und bringen sie auf die Märkte in den Städten. Viele gehen nach Frankreich und geben dein Bordeauxwein die dunkelrote Farbe. In den Körben mit dieser Exportware lag früher ein Zettel mit dem englischen Text: "handpicked blackberries".Die Zeit der Ernte ist immer eine Zeit der schweren Arbeit, aber auch der Freude und der seltenen Genüsse. Das Ende der Saison bringt gekrümmte Rücken und müde Menschen. Es ist aber auch die Zeit des Heidelbeerkuchens. Gläser und Töpfe voll der schwarzen Früchte werden eingemacht oder gedörrt. Letztere dienen als Medizin bei allerlei Krankheiten des Magens und des Darmes. Als Medizin dient auch der Heidelbeerwein, das Festgetränk des Odenwaldes. Viel Geld kommt in den Wochen der Ernte in die Dörfer. Kinder verdienen sich Schuhe und Kleider, Mädchen ein Stück Ausstattung, die Frauen ergänzen ihre Haushaltungsgegenstände. In Größe und Geschmack der schwarzen Heeren bestehen Unterschiede. Die großen Sträucher tragen bessere Früchte. Leider hat die moderne Waldwirtsehaft da großen Schaden angerichtet. Nur in den abgelegenen Waldungen zwischen Mümling und Main wachsen noch die kniehohen Sträucher und bringen Früchte, so dick wie die Kirschen, von auserlesenem Geschmack. Dort wachsen in einsamen Walddistrikten auf sonnenbeschienenen Lichtungen und Hängen die Sträucher bis zu einem Meter Höhe und bringen die sonst seltenen dicken Beeren von einmaliger Güte. Diese Stellen aber muß man wissen. Dem Fremden bleiben sie verschlossen.

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Odenwälder Dörrzwetschen

Der Zwetschenbaum gehörte von jeher zum Baumbestand des Bauerngarten im Odenwald, besonders im nördlichen Mümlingtal in der Herrschaft Breuberg, wurde schon um 1750 der Zwetschenanbau gewerbsmäßig betrieben. Als um diese Zeit der Odenwälder Weinhau wegen der Rebkrankheiten zurückging, bepflanzte man die Wingerte mit Zwetschenbäumen. Sie brachten oft größeren Gewinn und für den Bauern mehr Einnahmen als der Weinbau. Ein Bericht aus der Zeit um 1800 weiß folgendes zu sagen "Ein Untertan, der nur ein einziges Baumstück besitzt kann oft 100 Malter Zwetschen verkaufen und sich dadurch aus mancherlei Not helfen". Die Zwetschen wurden gedörrt und gingen als Odenwälder Dörrzwetschen auf die Märkte in Mainz, Von dort wurden sie in die Niederlande verhandelt. Die Schiffsreeder kauften sie für ihre großen Segler, die in langen Fahrten um das Kap der Guten Hoffnung herum nach den holländischen Kolonien in Hinterindien fuhren. In diesen Wochen fehlten dem Schiffskoch frisches Gemüse und Obst, und damit die für den menschlichen Körper so nötigen Vitamine. Unter der Schiffsbesatzung brach eine Mangelkrankheit, der Skorbut, aus. Diesen bekämpfte man damals mit Odenwälder Dörrzwetchen und rohem Sauerkraut. Kein Schiff trat die Reise in ferne Länder an ohne einen Vorrat von Dörrobst und Fässer voll rohem Sauerkraut. So kamen die Odenwälder Zwetschen zu Ansehen und Ruhm und die Bauern im Breuberger Land zu einem guten Verdienst.Im Jahre 1844 erließ eine Mainzer Firma folgenden Aufruf an die Odenwälder Zwetschenbauern. Aus dem Odenwald werden in den Monaten September und Oktober eines jeden Jahres nicht unbedeutende Partien gedörrte Pflaumen nach hier gebracht, dann durch hiesige Geschäftshäuser nach dem Niederrhein und ganz Holland versendet. Seit einigen Jahren hat dieser Geschäftszweig sehr bedeutend durch Konkurrenz der Bamberger und Schweinfurther Kaufleute gelitten, weil man daselbst größere Sorgfalt auf das Einsammeln und Dörren der Pflaumen verwendet und dadurch eine bessere Qualität erreicht. Es mag dies seinen Grund wohl hauptsächlich darin haben, daß man im Odenwald teilweise zu früh des größeren Gewinnes wegen erntet und nur mit Rauch schnell trocknet. Das Dörren der Zwetschen geschah um 1800 noch sehr primitiv. In den Obstgärten wurden Erdgruben ausgehoben; vorn hatten sie ein Feuerungsloch mit einem Luftkanal. Darüber lagen Roste. Darauf schüttete man Zwetschen. Das Feuer wurde Tag und Nacht unterhalten, oft mehrere Wochen lang, bis die Ernte gedörrt war. Für die Männer, die bei Wind und Wetter an den Dörren standen, baute man kleine Häuschen mit einem vorgezogenen Dach zum Schutz gegen Wind und Wetter. Überall im Lande, auf Bergen und auf den Äckern, standen die Zwetschenbäume. Pfarrer Walther aus Sandbach hat darüber in seiner Pfarrchronik folgenden Eintrag niedergeschrieben: Unsere Berge sind in einem Zwetschenherbst gar lieblich anzuschauen, wenn die hellen Feuer der Dörren in dunkler Nacht leuchten, weil jeder seine Erd- oder Lochdörre in der Nähe seiner Zwetschenernte baut, und wenn der Himmel heiter und die Nächte warm sind, so ist fröhliches Leben um die Zwetschendörren. Aber wenn der Himmel sich trübt, die Wolken ihr kaltes Naß heranströmen lassen, da wird die Not oft sehr groß. Ende September und Anfang Oktober ist die Dörrzeit. Ich habe solche Zwetschendörren mit Schnee bedeckt gesehen, wie da die armen Dörrer in Frost und Schnee zu beklagen sind.Die große Zeit der Odenwälder Zwetschenernte dauerte bis zum Jahr 1879. Dann kam 1879 auf 1880 der kalte Winter. Die Obstbäume erfroren. Von den 169984 Zwetschenbäumen im Breuberger Land blieben noch 67858 übrig. Damit fand die Zeit der Zwetschendörren ihr Ende. Auch das andere Obst litt unter Frostschäden. So waren von 17000 Nußbäumen nur noch 995 ertragreich.Doch das ist alles fast vergessen. Der Obstbauer bringt keine Dörrzwetschen mehr auf den Markt; man kann das Dörrobst im Laden kaufen. Nur der alte Brauch des Zwetschenkuchens an Kirchweih ist geblieben. Und als Rest des alten Baumbestands an Zwetschen-, Obst- und Nußbäumen stehen am Rand der Äcker oder in den Hausgärten noch einzelne Zwetschenbäume für den Eigenbedarf, und auch die verschwinden meist bei der Flurbereinigung, die große Äcker ohne Baumbestand für ihre Motorpflüge vorschreibt.

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Odenwälder Worzelbouze

Vorboten der dunklen Jahreszeit  - "Worzelbouze" als Schreckgebilde und Lichtsymbole

Der Tageslauf der Sonne ist niedriger geworden, Nebel füllen die Odenwaldtäler, die Apfel- und Zwetschenernte ist auf ihrem Höhepunkt - untrügliche Zeichen des Herbstes. Ab dem 23. September - dem Termin, an dem Tag und Nacht noch gleich lang sind - wird es immer deutlicher spürbar: Die Nächte werden allmählich länger, bis am 23. Dezember die längste Nacht des Jahres erreicht ist. In früheren Zeiten gab es besonders interessante Vorboten der beginnenden dunklen Jahreszeit: Leuchtende Rübenköpfe in den verschiedensten Ausführungen. In manchen Odenwalddörfern werden sie heute noch nach Einbruch der Dunkelheit ans Fenster gestellt. Es erfordert einen guten Blick, um sich die am schönsten geformten Dickrüben - je nach Motivwahl rund oder länglich - auszusuchen, um sie dann mit dem Messer auszuhöhlen. Zuvor wird ihnen aber oft ein Stück als Deckel abgeschnitten. Je dünner die stehenbleibende Wand wird, um so intensiver schimmert das Kerzenlicht hindurch. Meistens wird ein menschliches Gesicht mit Augen, Nase und Mund durch Herausschneiden der jeweiligen Stellen als Motiv gewählt. Der gewünschte Gesichtsausdruck - ob freundlich, böse oder gar schrecklich - kann durch die entsprechende Form der Augen und vor allem des Mundes gestaltet werden. Natürlich kann man noch zusätzlich Restmaterial aus Garten und Werkstatt verwenden. So eignet sich beispielsweise Stroh oder Hanf gut für die Schaffung langhaariger oder bärtiger Wesen, dem Erfindungsreichtum sind hier keine Grenzen gesetzt.

Wurzelbouze   
  Wurzelbouze

Man hat eine große Vielfalt von Rübenkopfgebilden im Odenwaldraum nachgewiesen. Neben Gesichtern, die manchmal noch mit Hörnern versehen waren, waren früher Sterne, Mond, Kreuze und Herzformen am häufigsten vertreten, aber auch geometrische Formen wie Dreiecke und Kreise. Jedoch nicht nur die Formen, sondern auch die Bezeichnungen für diese Dickwurzgestalten sind zahlreich: Riewebouz, Rummelesbouz, Rummelsebopp, Rummelsemann, Käilkopp, Worzelbouz, Worzelkopp und sogar Deiwelskopp. Dabei richtet sich die jeweilige Bezeichnung nach dem mundartlichen Namen der Dickrübe in den betreffenden Odenwaldorten: Die Bezeichnung Deiwelskopp rührt sicherlich von dem furchteinflösenden Aussehen besonders dann, wenn Dickrüben mit Hörnern verwendet werden - her. Wozu dienten nun diese Lichtgebilde ursprünglich? Ein Hauptverwendungszweck lag darin, die Leute durch gespenstisch aussehende Fratzen zu erschrecken.Sie wurden von den Buben an bestimmte Orte - in Fenster. Kellerlöcher und Astgabeln gestellt, um die vorbeigehenden Leute in der Dunkelheit zu überraschen. Manchmal wurden sie auf lange Stangen gespießt und zum geöffneten Fenster hineingehalten. Ein andermal wurden die Köpfe an Schnüren baumelnd aufgehängt, was sicherlich im Dunkeln unheimlich wirkte. Gleichzeitig erzeugte man oft gespensterhaft anmutende Geräusche, indem ein gespannter Faden mit Schusterpech gerieben wurde oder indem man ihn mit einem Kamm zum Schwingen brachte. Gelegentlich wurde auch die Stange mit Stroh Lumpen und einem Querholz für die Arme zu einer Art Vogelscheuche ausgestaltet oder sogar eine sitzende Gestalt mit richtigen Kleidungsstücken nachgebildet - den Kopf stellte natürlich auch hierbei eine leuchtende Rübe dar.Es wird vermutet, daß der eigentliche Ursprung dieses alten Volksbrauches mit seinen verschiedenartigen Ausprägungen in einem Mittwinterumzug liegt bei dem das Licht nicht als Schreckzeichen, sondern als Segenspender durch das Dorf getragen wurde. Vor allem die sehr alten Formen mit Sternen, Monden, Kreuzen und Herzen als Lichtsymbole deuten daraufhin. Ähnliches kennen wir ja von den am Martinstag veranstalteten Laternenumzügen. Das in den Herbst- und Winternächten immer spärlicher werdende Tageslicht sollte gewissermaßen durch diese Lichtzeichen ersetzt werden. Licht sollte die bösen Mächte, die man im Dunkel vermutete, von den Menschen fernhalten. Im Zeitalter des elektrischen Stromes. in dem man Licht auf Knopf- oder Schalterdruck erhält, ist uns dieser Ursprung natürlich nicht mehr gegenwärtig. Geblieben ist aber ein schöner Brauch, der es ermöglicht, mit Naturmaterialien kreativ umzugehen. Besonders den Kindern kann es viel Freude bereiten, dem flackernden Schein des selbstgefertigten Rübenkopfes zuzuschauen.

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Die Siegfriedsage

Siegfried, Königssohn aus Xanten, kommt noch Worms an den Hof der Burgunderkönige Gunther, Gernot und Giselher, um deren Schwester Krimhild zur Frau zu gewinnen. Hagen von Tronje erzählt bei Siegfrieds Ankunft von dessen früheren Taten, vom Kampf gegen die Zwergenkönige Schillung und Nibelung, bei dem er den Hort und Alberichs Tarnkappe gewann, und vom Kampf mit dem Drachen, bei dem er die unverwundbare Haut erhielt.Siegfned bleibt ein Jahr lang als Freund am Burgunderhof, ohne seine eigentliche Absicht zu verraten. Als ihn König Gunther bittet, ihm bei der Werbung um Brünhild beizustehen, die nur dem gehören will, der sie im Zweikampf besiegen kann, sagt ihm Siegfried seine Hilfe unter der Bedingung zu, daß er dafür Krimhild als Frau erhält.

In Island gibt sich Siegfried als Dienstmann des Königs Gunther aus, um Brünhild, die ihn selbst als Freier erwartet, sein Dabeisein zu erklären. Unter der Tarnkappe, die zusätzliche Kräfte verleiht, übertrifft er Brünhild in allen Kampfspielen. Sie glaubt sich von Gunther besiegt, der nur die Bewegungen ausgeführt hat. Bald wird in Worms Hochzeit gefeiert. In der Nacht jedoch widersetzt sich Brünhild erfolgreich Gunther Begehren. In der folgenden Nacht tritt Siegfried noch einmal aus Freundschaft an Gunthers Stelle. Fr besiegt Brünhild in der Dunkelheit und nimmt ihr Ring und Gürtel ab; wieder glaubt sie, Gunther unterlegen zu sein und erkennt ihn nun als ihren Herrn und Ehemann an.

Nach einigen Jahren, Siegfried lebte inzwischen mit Krimhild glücklich in seiner Vaterstadt Xanten, kommt es in Worms bei einem Fest zum Streit der Frauen. Brünhild neidet der Frau des vermeintlichen Lehensmanns Siegfried den Vortritt ins Münster. In ihrem Zorn verrät Krimhild das Geheimnis des doppelten Betrugs. Um die Ehre seiner Herrin wiederherzustellen, sucht der treue Vasall Hagen den scheinbar Unbesiegbaren durch List zu töten. Er bittet Krimhild, durch einige Stiche auf Siegfrieds Kleidung die Stelle zu bezeichnen, wo er verwundbar blieb, damit er ihm im Kampfe desto besser beistehen könne. Jene Stelle, wo einst ein Lindenblatt klebte, als Siegfried in Drachenblut badete.Aus Sorge um Siegfried befolgt Krimhild den Rat. So kann Hagen Siegfried auf der Jagd hinterrücks ermorden.

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